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EIN ALBUM, DAS RÄTSEL AUFGIBT

Ist es sinnvoll, auf einer CD den Namen Paul Hindemith“ groß nach vorn zu stellen, wenn mehr als die Hälfte der CD gar nicht aus Werken von Paul Hindemith besteht? Darüber darf man sich bei dieser neuen Veröffentlichung des Stuttgarter Labels hänssler Classic SCM in Kooperation mit dem SWR wohl streiten. Aber werden wir mal konkret: Wer diese neue hänssler-CD in den Player schiebt, hört zunächst die (übrigens wunderschöne) Partita für zwei Violen d’amore und basso continuo von Heinrich Ignaz Biber und kurz darauf die angenehme Sonate D-Dur für Viola d’amore und basso continuo von Carl Stamitz. Was bitteschön hat das mit Hindemith zu tun? Nun, ganz einfach: Paul Hindemith gehörte zu den ersten Bratschisten im 20. Jahrhundert, die sich nach langer Zeit des Vergessens wieder für die Viola d’amore interessierten, jenes aus heutiger Sicht ungewöhnlich anmutendes Barockinstrument, das neben den Spielsaiten im Korpus noch metallene Resonanzsaiten beinhaltet, die beim Spielen mitklingen und einen rauhen, manchmal schnarrenden Effekt erzeugen.

Paul Hindemith hat es übrigens auch schön erfasst, als er damals in einem Brief schrieb, das Spielen auf der Viola d’amore (oder viola d’amour“, wie Hindemith sie nannte) sei heikel“. Es gibt reichlich Einspielungen von Bratschisten, die sich mal eben“ mit einer Viola d’amore“ bewaffnen und grandios scheitern, denn die Viola d’amore in der Hand eines Ungeübten klingt schnell mal wie ein angeschossenes Tier im Todeskampf. Eines der abschreckendsten Beispiele einer wirklich völlig verkorksten Viola d’amore-Produktion hatten wir einmal an dieser Stelle rezensiert. Doch: Entwarnung! Gunter Teuffel – seines Zeichens Solobratschist des SWR Sinfonieorchesters – versteht sein Handwerk – auch auf der Viola d’amore. Auf dieser CD spielt er übrigens nicht irgendeine Viola d’amore, sondern die Viola d’amore, die sich Paul Hindemith einst anfertigen ließ, um mit einem Trio Alte Musik aufzuführen. Besonderes Merkmal des Instruments: Statt einem Amorkopf – wie sonst üblich – ziert die Schnecke des Instruments das Antlitz von Paul Hindemiths Ehefrau Gertrud. Kenner wissen also auf den ersten Coverblick, welche Besonderheit bei dieser CD Programm ist.

Nun also wissen wir auch darum, warum auf diesem Album zunächst mal Werke von Biber und Stamitz erklingen, bevor wir mit der herrlichen Kleinen Sonate“ und der recht bekannten Kammermusik Nr. 6 dann doch noch zwei originäre Werke Paul Hindemiths zu hören bekommen: Hindemith hatte die Biber- und Stamitz-Stücke mit einem eigenen basso continuo-Auszug versehen, was man zwar manchmal herauszuhören meint, aber wirklich nur manchmal. Ob es also wirklich klug war, auf dem Frontcover dieser CD ausschließlich den Namen Hindemith zu erwähnen, bleibt dahingestellt.

Was die Interpretationen aller Stücke angeht, haben wir hier ein zwar gelegentlich routiniert wirkendes, aber insgesamt hohes musikalisches Niveau, wobei die Kleine Sonate“ sicherlich das Stück ist, das auf diesem Album interpretatorisch am meisten beeindruckt. Auch die Kammermusik Nr. 6 weiß sehr zu gefallen, doch hier gibt es auf dem Markt verfügbarer Konkurrenzproduktionen in der Einspielung des Concertgebouw Orkest unter Riccardo Chailly oder in der fantastischen Aufnahme des Viola d’amore-Solisten Brett Dean mit dem Radio-Sinfonie-Orchester Frankfurt unter Leitung des Weinheimers Werner Andreas Albert einfach zu starke Alternativen. Fazit: Ein Album, das einige Rätsel aufgibt und von der Präsentation her in meinen Augen nicht gelungen ist. Es entschädigt jedoch durch gute Interpretationen in wie fast immer gelungenem SWR-Klangbild.

VON RAINER ASCHEMEIER 19. OKTOBER 2013 - The Listener
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